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09.01.2017 22:47

Warnruf in unsere Zeit "Das kulturlose nationale Gefühl"

Von: Klaus Stoevesandt, Lehrer i.R.

„Das Wesen des Nationalismus besteht (...) in einer krankhaften Deutung und Verarbeitung von Tatsachen des politischen Lebens auf Grund von Größen- und Verfolgungsideen, die in der abnormen Einbildungskraft vorhanden sind.“

So beschreibt Albert Schweitzer diese Pathologie des Nationalismus in „Wir Epigonen“ im Oktober 1915.

Als Merkmale nennt er,

• dass sich Gesinnungen, Worte und Taten immer negativer entwickeln würden,

• dass ein Zirkel zu sinnlosen Handlungen und Gewaltakten entstehe,

• dass in dem Maße, wie andere Ideale (z. B. Menschlichkeit) verkümmerten, sich der Nationalismus zum Ideal der Ideale erhebe,

• dass eigene nationale Anschauungen tabuisiert würden und so die Gestalt einer Art Volksreligion annähmen,

• dass Vernunft und Moral nicht in diese „heiligen Gefühle“ hineinreden dürften.

Die Kennzeichnungen Schweitzers sind heute Geschichte. Diese scheinen jedoch im gesellschaftlichen Geschehen Europas unserer Tage als Symptome wieder einmal verstärkt hervorzutreten.

Sind dies Anzeichen eines krankhaften Rückschritts der Gesinnungen, der innerhalb unserer europäischen Gesellschaft beginnt?  Tragen Medien und Protestaktionen dazu bei, diesen Zustand ins Schlimmere zu treiben?

Nur allzu schwer scheint diese Kluft zurzeit überbrückt werden zu können. Vom nationalen Denken werde eine abwehrende Realpolitik gefordert. Diese mache sich „zum Grundsatz, die Fragen so einseitig vom Standpunkt der eigenen Nation zu beurteilen (...), dass der Anschauung und dem Recht des anderen nicht in normaler Weise Gehör gegeben wird. Im Namen des Volkes wird eine Art des Verhandelns verlangt, die den gerechten und vernünftigen Erwägungen den denkbar kleinsten Einfluss zugesteht und die Möglichkeit einer gütlichen und dauernden Verständigung dementsprechend ausschließt“, schreibt Albert Schweitzer im Abschnitt III -“Erscheinungen des Niedergangs der Kultur“.

Der Begriff „völkisch" sollte nicht mehr so negativ verstanden werden, man müsse daran arbeiten, dass dieser Begriff wieder positiv besetzt werde, meinte die Vorsitzende der Partei AfD in der Welt am Sonntag im September 2016. Die wechselvolle Geschichte seiner Bedeutungen verbietet hier jedoch eine Verharmlosung.

„Wir sind das Volk“; hörte man als Ruf der Leipziger DDR-Bürger 1989 gegen ihre Staatsmacht.  Im Februar 2016 dagegen schallt das Gebrüll einer Bürgermeute heimatlosen Flüchtlingen entgegen: „Wir sind das Volk“ - „Haut ab“.

Die gleichen vier Worte, inhuman missbraucht gegenüber hilflosen Menschen, die nach den Gefahren der Flucht nur Schutz und Gerechtigkeit suchten. 

„‘...nur Epigonen.‘ Es schlug wie ein Blitz neben mir ein“, so Schweitzer damals - und weiter: „Bei so und so viel Gelegenheiten musste ich feststellen, dass die öffentliche Meinung öffentlich kundgegebene Inhumanitätsgedanken nicht mit Entrüstung ablehnte, sondern hinnahm und inhumanes Vorgehen der Staaten und Völker als opportun guthieß.

Ein dringender Aufruf in unsere Zeit, besonders heute jedem inhumanen Vorgehen deutlich zu widersprechen.

 

Quellenangabe:

„Wir Epigonen“ München 2005 herausgegeben von U. Körtner und J. Zürcher

Albert Schweitzer „Aus meinem Leben und Denken“ Frankfurt am Main 2008

Informationen zu „Wir Epigonen“

Als die Nationen im Herzen Europas vor über 100 Jahren den „Erste Weltkrieg“ entfesselt hatten, erreichte im August 1914 Albert und Helene Schweitzer im fernen Gabun die Weisung der französischen Kolonialverwaltung, sie hätten sich als Gefangene zu betrachten. Erst seit 16 Monaten hatte Schweitzer den Aufbau seines Hospitals in Lambarene voran bringen können. Nun nach dieser kurzen Zeit ärztlicher Hilfe im Urwald wurde ihm jeder Kontakt mit Weißen und Eingeborenen untersagt. Auch wenn man diese Internierung schon nach drei Monaten erst lockerte und dann ganz aufgehoben hatte, verdanken wir diesen Umständen den Beginn seiner kulturphilosophischen Arbeiten.

Allerdings konzentrierte Schweitzer sich bis zum Sommer 1915 zunächst auf ein Thema, das sich aus den Zeitumständen zum Kriegsgeschehen in Europa unmittelbar aufdrängte; der Verfall der kulturellen Werte innerhalb der Nationen Europas. Diese Schrift sollte den Titel „Wir Epigonen“ tragen.

Aber, es kam anders: Zu Beginn des Sommers 1915 stellte sich Schweitzer eine umfassendere Aufgabe. Aus der weiteren Arbeit entstand so die erste Ausgabe seiner Kulturphilosophie, der Band „Kultur und Ethik“, die 1923 veröffentlicht werden konnte.

Jedoch bis September 1917 setzte er auch seine Arbeiten an „Wir Epigonen“ fort. (September 1917 Rücktransport nach Frankreich zur Internierung in Bordeaux)

Diese Manuskripte wurden aber erst im Jahr 2005 innerhalb der Werke aus dem Nachlass herausgegeben.

 
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